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Aus den Karpaten

Priveghi – die Totenwache der Karpaten

Zwischen dem letzten Atemzug und der Beerdigung liegt in den Karpaten oft mehr als eine Nacht – und in dieser Nacht darf der Tote nie allein bleiben. Man wacht, man klagt, man legt eine Münze in die kalte Hand. Woher die rumänische Totenwache kommt und wozu sie wirklich da ist.

Die Nacht, in der niemand allein bleibt

In den Karpaten stirbt niemand ganz allein – zumindest nicht in der ersten Nacht. Priveghi nennt man die Totenwache: ein bis drei Nächte, in denen Familie, Nachbarn und Freunde sich am Sarg versammeln und wachen, bis die Beerdigung beginnt. Die Regel dahinter ist einfach und wird bis heute in vielen Dörfern befolgt: Der Tote bleibt nie allein. Jemand sitzt immer bei ihm, auch tief in der Nacht, auch wenn die Kerzen längst heruntergebrannt sind.

Was wie reine Fürsorge klingt, trägt einen älteren Kern. In der Zeit zwischen Tod und Beerdigung gilt der Verstorbene als besonders verwundbar – für böse Geister, für das, was sich an einem unbewachten Leichnam zu schaffen machen könnte. Die Wache ist Schutz, keine Formalität. Man redet, man singt, man isst und trinkt gemeinsam – die Totenwache ist zugleich Fest und Verteidigungslinie, und beides schließt sich in diesem Glauben nicht aus.

Bocet – die Klage, die man kauft

Zur Totenwache gehört ein Klang, der Fremden meist zuerst auffällt: das Bocet, das rumänische Totenklagelied. Es wird von sogenannten bocitoare gesungen – Frauen, oft aus dem Dorf, die man eigens für diesen Zweck engagiert. Sie klagen im freien Rhythmus, wiegen sich, manchmal reißen sie sich am Haar oder an der Kleidung, und sie besingen in improvisierten Versen die Tugenden der oder des Verstorbenen.

Der Brauch reicht bis in vorchristliche Zeit zurück. Sein Zweck ist doppelt: Er trägt die Trauer der Familie mit, wenn die eigenen Tränen versiegt sind – und er hält, so der ältere Glaube, mit seiner Klage zugleich das Böse fern. Eine gute Bocitoare zu engagieren war in vielen Gegenden Ehrensache: Ihr Klagegesang war ein Maß dafür, wie sehr ein Mensch betrauert wurde.

Brot für die Lebenden, ein Baum für die Seele

Vor der Beerdigung wird gebacken. Colac heißt das geflochtene, süße Totenbrot, das bei der Wache und danach an alle verteilt wird, die gekommen sind – auch an Fremde, auch an Arme, die eigens dazu eingeladen werden. Aus ähnlichem Teig entsteht der Pomul: ein geschmückter Ast oder kleiner Baum, mit Bändern, Früchten und manchmal Gebäck behängt, der den Lebensbaum darstellt und den Übergang von dieser Welt in die andere symbolisiert.

Das Totenmahl selbst, die Pomana am dritten, neunten und vierzigsten Tag, ist an anderer Stelle ausführlich beschrieben – im Artikel über die vierzig Tage der Seele. Colac und Pomul gehören in die Nacht davor: in die Stunden, in denen der Körper noch im Haus liegt und die Lebenden ihn zum letzten Mal versorgen.

Die Münze und die Kerze in der Hand

Bevor der Sarg geschlossen wird, bekommt der Tote etwas mit auf den Weg. Eine dünne, weiche Wachskerze wird zu einem Kreuz gebogen und in die gefalteten Hände gelegt, in ihrer Mitte eine alte, nicht mehr gültige Silbermünze. Die Kerze soll den Weg erhellen und das Böse fernhalten. Die Münze ist der Fährlohn – das Geld, mit dem die Seele die Überfahrt in die andere Welt bezahlt, so wie andernorts der Fährmann seinen Obolus verlangt.

Auch die Lage des Körpers folgt einer Ordnung: der Kopf nach Osten, die Füße zur Tür – bereit für die letzte Reise. Nichts an dieser Vorbereitung ist beliebig. Jede Geste ist Teil einer stillen Buchhaltung: Ist alles richtig getan, findet die Seele ihren Weg. Ist etwas vergessen, weiß in den Karpaten niemand genau, was stattdessen zurückbleibt.

Was man nicht allein lässt

Genau darin trifft sich die Totenwache mit anderen Bräuchen dieser Gegend. Warum die Spiegel im Trauerhaus verhängt werden, warum in den ersten vierzig Tagen ein Licht brennt, warum man nachts nicht auf jede Stimme antwortet, die den eigenen Namen ruft – all das folgt derselben Logik. Der Übergang zwischen Leben und Tod ist keine Linie, sondern ein Raum, und in diesem Raum ist niemand, lebend oder tot, jemals ganz sicher, wenn er allein ist.

Was davon in den Büchern steckt

Die Karpaten-Chroniken spielen genau in diesem Raum. Wer in Stafii die Regeln der Familie missachtet, wer eine Nacht durchwachen soll und einschläft, wer den Toten für eine Stunde allein lässt, weil die Kerze ohnehin noch brennt – der lernt, warum die alte Regel nie eine Formalität war. In den Karpaten-Chroniken von Corben Vale ist eine unbewachte Nacht selten nur eine verpasste Nacht.

Woher wir das wissen

Die Totenwache, das Klagelied Bocet und die professionellen Klagefrauen (bocitoare) sind in der rumänischen Ethnografie und Volksmusikforschung gut dokumentiert – als lebendige, bis heute in ländlichen Gegenden gepflegte Praxis. Kerze, Münze und die Ausrichtung des Leichnams gehen unter anderem auf die klassische Feldforschung von Agnes Murgoci zurück, deren Aufsatz „Customs Connected with Death and Burial among the Roumanians" (Folk-Lore, Bd. XXX, 1919) zu den frühesten systematischen Sammlungen rumänischer Totenbräuche zählt und bis heute zitiert wird.

Wie bei der vierzig Tage währenden Seelenreise gilt auch hier: Die ethnografischen Eckpunkte sind belegt, ihre genaue Bedeutung aber lebt vor allem mündlich weiter, von Dorf zu Dorf leicht verändert. Manches davon lässt sich nachlesen. Das Gefühl, in einer Nacht mit brennender Kerze bei einem Toten zu wachen, nicht.

Die Karpaten-Chroniken von Corben Vale erzählen genau solche Geschichten – nach wahren Begebenheiten. „Das Dorf der Erhängten“ und „Stafii“ erscheinen am 15. Oktober 2026 in sieben Sprachen.

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