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Aus den Karpaten

Die vierzig Tage – der Weg der Seele

Vierzig Tage lang, so erzählt man es in den Karpaten, weiß die Seele nicht, dass sie tot ist. Sie bleibt, wo sie zu Hause war. Deshalb brennt eine Kerze, deshalb bleibt am Tisch ein Platz gedeckt. Erst am vierzigsten Tag nimmt man endgültig Abschied.

Die Seele geht nicht sofort

Im Volksglauben der Karpaten – wie überall in der orthodoxen Welt – endet mit dem letzten Atemzug nichts abrupt. Der Tod ist kein Punkt, sondern ein Weg, und dieser Weg dauert vierzig Tage. In dieser Zeit ist die Seele weder ganz hier noch ganz fort. Sie löst sich langsam von dem Leben, das sie kannte, und in den ersten Tagen, so heißt es, kehrt sie immer wieder dorthin zurück, wo sie zu Hause war.

Genau daraus entsteht das Unheimliche an diesem Glauben: nicht der Schrecken, sondern die Sanftheit. Die Seele weiß nicht, dass sie gestorben ist. Sie sucht ihr Haus, ihren Platz, ihre Menschen – als wäre nichts geschehen. Und die Lebenden richten sich für vierzig Tage danach.

Die Kerze und der gedeckte Platz

Deshalb lässt man in diesen Tagen ein Licht brennen. In vielen Häusern stellt man dort, wo der Mensch gestorben ist, in den ersten Tagen eine Kerze auf, dazu Brot und ein Glas Wasser – für den Fall, dass die Seele zurückkommt und Durst hat, wie man in manchen Dörfern sagt. Am Tisch bleibt ein Platz frei. Man spricht leise vom Verstorbenen, als könnte er im Nebenzimmer sein.

Nichts davon geschieht aus Furcht allein. Es ist Fürsorge für einen, der noch nicht angekommen ist. Die Kerze ist ein Licht auf einem langen, dunklen Weg – damit die Seele nicht in die Irre geht, so wie die Stimmen in der Nacht Lebende in die Irre führen.

Die dritte, die neunte, die vierzigste

Der Weg der Seele hat Stationen, und die Lebenden begleiten sie an drei Tagen besonders: am dritten, am neunten und am vierzigsten Tag nach dem Tod. An jedem dieser Tage wird gebetet und ein Totenmahl gehalten – die Pomana. Man kocht, man gibt aus, man lädt auch Fremde und Arme ein, und im Mittelpunkt steht die Coliva: gekochter Weizen mit Honig und Nüssen, das Zeichen dafür, dass aus dem begrabenen Korn neues Leben aufgeht.

Der dritte Tag gilt dem, der am dritten Tag auferstand. Der neunte den Engelchören. Der vierzigste aber ist der wichtigste – denn an ihm endet der Weg.

Vămile văzduhului – die Zollstationen der Luft

Zwischen dem Haus und dem Ziel, so die orthodoxe Überlieferung, liegt keine leere Strecke. Die Seele steigt auf und muss dabei die vămile văzduhului passieren – die „Zollstationen der Luft", eine Reihe von Prüfungen, an denen ihr die begangenen Sünden vorgehalten werden. Nur wer sie besteht, geht weiter. Deshalb beten die Zurückgebliebenen: Ihre Gebete, heißt es, helfen der Seele über die Stationen hinweg, an denen sie allein nicht bestünde.

In der volkstümlichen Rechnung ordnet sich der Weg oft so: die ersten Tage nahe der Erde und dem eigenen Haus, dann der Blick auf das, was kommt – und am vierzigsten Tag tritt die Seele zum ersten Mal vor das Gericht, das ihr ihren Ort zuweist, bis am Ende der Zeiten das letzte Gericht kommt.

Warum gerade vierzig?

Die Zahl ist alt und kehrt immer wieder: vierzig Tage Regen über der Erde, vierzig Jahre Wüste, vierzig Tage Fasten, vierzig Tage zwischen Auferstehung und Himmelfahrt. Vierzig ist in dieser Tradition die Zahl des Übergangs – die Spanne, die eine Wandlung braucht, um vollständig zu sein. Auf den Menschen übertragen heißt das: Vierzig Tage braucht die Seele, um vom Leben ganz ins Andere hinüberzugehen. Vorher ist sie noch unterwegs. Und was unterwegs ist, kann man verlieren – oder halten.

Der vierzigste Tag

Am vierzigsten Tag wird es ernst. Noch einmal versammelt sich die Familie, noch einmal die Pomana, noch einmal die Gebete – aber diesmal zum Abschied. Denn jetzt, so der Glaube, verlässt die Seele den Ort, an dem sie gelebt hat, endgültig. Die Kerze wird gelöscht, der Platz am Tisch wieder besetzt. Was vierzig Tage lang ein Dazwischen war, wird zu einem klaren Vorher und Nachher.

Wer den Weg kennt, weiß auch das Gegenteil: Eine Seele, die nicht sauber geht – die nicht losgelassen wird oder nicht loslassen kann –, geht nicht weiter. Sie bleibt. Aus einem solchen Bleiben wird in den Karpaten der Strigoi, der Wiedergänger. Die vierzig Tage sind also nicht nur Trauer. Sie sind eine Vorsichtsmaßnahme.

Was davon in den Büchern steckt

Eine Kerze, ein gedeckter Platz, ein leiser Satz an jemanden, der nicht mehr da ist – das klingt zärtlich, und das ist es auch. Aber es trägt dieselbe Angst wie alle diese Bräuche: dass die Grenze zwischen den Toten und den Lebenden für eine Weile durchlässig ist. Vierzig Tage lang steht eine Tür offen. Und niemand kann ganz sicher sein, dass nur hinausgeht, wer hinausgehen soll.

Genau in diesem Dazwischen spielen die Karpaten-Chroniken. Die zweite Regel der Familie in Stafii lautet: Wer antwortet, ist verloren. Wenn in den vierzig Tagen eine vertraute Stimme ruft, die eigentlich verstummt sein sollte – dann ist die Kerze am Fenster keine Sentimentalität mehr. Dann ist sie eine Warnung.

Woher wir das wissen

Der vierzigtägige Weg der Seele gehört zum festen Kern der orthodoxen Überlieferung, und die Gedenktage am dritten, neunten und vierzigsten Tag samt Pomana und Coliva sind im rumänischen Totenbrauchtum gut dokumentiert – bis heute gelebte Praxis. Auch das Aufstellen von Licht, Brot und Wasser am Sterbeort in den ersten Tagen ist ethnografisch belegt, unter anderem in den klassischen Sammlungen zum rumänischen Totenbrauch (Agnes Murgoci, 1919).

Das Bild von der Seele, die „nicht weiß, dass sie fort ist", und der Platz, der am Tisch für sie frei bleibt, gehören zur volkstümlichen, dichterischen Schicht dieses Glaubens – weit verbreitet in der orthodoxen Welt Ost- und Südosteuropas, in Dörfern eher gelebt als aufgeschrieben. Den Rest kann man nicht nachlesen. Man muss am neununddreißigsten Abend in einem Haus gesessen haben, in dem noch eine Kerze brennt – und gehofft haben, dass am vierzigsten wirklich Ruhe einkehrt.

Die Karpaten-Chroniken von Corben Vale erzählen genau solche Geschichten – nach wahren Begebenheiten. „Das Dorf der Erhängten“ und „Stafii“ erscheinen am 15. Oktober 2026 in sieben Sprachen.

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