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Aus den Karpaten

Verlassene Dörfer in den Karpaten: Wenn ein Ort von der Karte verschwindet

Manche Dörfer in den Karpaten sind nicht einfach ausgestorben. Sie wurden geräumt, mit giftigem Schlamm überflutet oder per Dekret zum Verschwinden gebracht – und mindestens eines davon liegt heute unter einem See, aus dem nur noch ein weißer Kirchturm ragt.

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Der Kirchturm im giftroten See

Geamăna liegt im Kreis Alba, in den westlichen Ausläufern der Karpaten. Im Frühjahr 1977 ordneten die rumänischen Behörden die Räumung des Tals an: Roșia Poieni, damals Europas zweitgrößte Kupfermine, brauchte einen Ort für den Schlamm, der bei der Erzaufbereitung übrig blieb. Ein Damm wurde quer durch das Tal gebaut, und seither steigt der See um etwa einen Meter pro Jahr – nicht mit Wasser, sondern mit den giftigen, streckenweise blutrot gefärbten Rückständen der Flotation.

Rund dreihundert Familien wurden umgesiedelt, mit einer Entschädigung von umgerechnet etwa 2.000 US-Dollar pro Haushalt. Etwa zwanzig Bewohner weigerten sich zu gehen und blieben auf den höher gelegenen Rändern des Tals – manche von ihnen leben dort bis heute, mit Blick auf das, was von ihrem Dorf übrig ist. Über dem See ragt bis heute die weiße Spitze der orthodoxen Kirche, die eigentlich abgerissen werden sollte, bis Widerstand aus dem Dorf das verhinderte. Was viele frühere Bewohner am meisten beschäftigt, ist nicht der Verlust der Häuser, sondern der Gräber: Die Familiengräber des alten Friedhofs liegen heute unter dem Schlamm begraben, unerreichbar, entgegen anderslautender Versprechen.

Heute ist Geamăna kein vergessener Ort mehr, sondern ein Ziel: Reisende und Fotografen kommen gezielt an den Rand des Tals, um den Kirchturm über dem farbigen Wasser zu sehen – ein Bild, das inzwischen um die Welt gegangen ist, von Reiseblogs bis zu Dokumentationen über Rumäniens Bergbauerbe. Für die verbliebenen Bewohner ist das eine seltsame zweite Existenz ihres Dorfes: nicht mehr bewohnt, aber sichtbarer als zuvor.

Verordnetes Verschwinden

Geamăna ist kein Einzelfall, sondern die sichtbarste Spitze eines größeren Musters. Ab 1974 arbeitete das Ceaușescu-Regime an einem „Systematisierungsprogramm", das die Unterschiede zwischen Stadt und Land offiziell beseitigen sollte: Von den gut 13.000 Dörfern Rumäniens sollten 7.000 bis 8.000 abgerissen oder in eines von 558 geplanten „Agrar-Industrie-Zentren" umgewandelt werden. Aktiv umgesetzt wurde der Plan erst ab März 1988 – und am 26. Dezember 1989, einen Tag nach der Hinrichtung Ceaușescus, sofort wieder gestoppt. In der kurzen Zeit dazwischen wurden rund achtzehn Dörfer teilweise, fünf vollständig eingeebnet; die Bewohner erhielten geringe Entschädigungen und wurden in Neubauwohnungen umgesiedelt, in denen sich laut zeitgenössischen Berichten teils zehn Familien eine einzige Küche teilten.

International sorgte der Plan für Aufsehen. Ungarn organisierte 1988 Proteste mit bis zu 50.000 Teilnehmern in Budapest – viele der bedrohten Dörfer waren von der ungarischen Minderheit Siebenbürgens bewohnt. In Belgien entstand die Initiative „Opération Villages Roumains": Ab Februar 1989 übernahmen 231 belgische Gemeinden Patenschaften für ebenso viele bedrohte rumänische Dörfer, in der Hoffnung, internationale Aufmerksamkeit könnte sie schützen. Am Ende blieben von den 7.000 bis 8.000 geplanten Fällen nur eine Handvoll übrig – doch die Dörfer, die es traf, verschwanden buchstäblich: von der Landkarte gestrichen, ihre Erinnerung nur noch in den Köpfen derer, die dort einmal lebten.

Die leisen Dörfer

Nicht jedes verlassene Dorf in den Karpaten verschwand mit einem Dekret. Manche leerten sich über Jahrzehnte, Familie für Familie. Gherdeal in Siebenbürgen, ursprünglich als St. Gertruda von deutschstämmigen Siebenbürger Sachsen gegründet, zählte 2019 nur noch eine Handvoll ständiger Bewohner – ein Dorf, in dem laut Berichten 27 Jahre lang kein Kind mehr geboren wurde. Der Grund lag weniger in einem einzelnen Ereignis als in einer langen Bewegung: Nach dem Sturz des Regimes 1989 verließen viele Siebenbürger Sachsen das Land in Richtung Deutschland, das ihnen die Staatsbürgerschaft anbot. Was blieb, waren leere Höfe, eine Kirche aus dem Jahr 1612 und, in den letzten Jahren, ein zaghafter Gegentrend: junge Rumäninnen und Rumänen, die die günstigen Häuser ihrer Vorfahren zurückkaufen und wieder beleben.

Was von einem Ort bleibt

In den Dörfern der Karpaten gilt ein Grundstück selten als einfach nur leer. Die vatra – wörtlich „die Feuerstelle", übertragen der angestammte Siedlungsplatz einer Familie oder eines Dorfes – trägt in der ländlichen Vorstellung mehr Bedeutung als der Boden allein: Sie ist der Ort, an dem Generationen gelebt haben und begraben liegen. Wenn ein ganzes Dorf verschwindet – ob unter Schlamm, per Dekret oder einfach durch das langsame Weggehen seiner Bewohner –, verschwindet mit ihm auch diese Vatra, ohne dass die Verbindung dazu automatisch endet. Genau das macht solche Orte für die Menschen, die von dort stammen, so viel schwerer zu verlassen als ein gewöhnliches Grundstück.

Was davon in den Büchern steckt

In „Stafii“ steht am Rand des Dorfes ein verlassenes Herrenhaus, das niemand freiwillig betritt – nicht einmal die Jugendlichen, die sonst überall ihre Mutproben machen. In den Karpaten-Chroniken von Corben Vale sind verlassene Orte nie einfach nur leer – sie tragen weiter, was dort geschah, auch wenn niemand mehr da ist, um es zu erzählen. Wer wissen will, warum ein Dorf in diesen Geschichten nie wirklich totes Land ist, findet in Geamănas Kirchturm über dem roten See eine sehr reale Antwort darauf, wie wahr diese Prämisse ist.

Woher wir das wissen

Die Geschichte Geamănas ist gut dokumentiert, unter anderem durch Radio Free Europe/Radio Liberty („Romania's Sinking Village", RFE/RL, 2017) mit direkten Zitaten ehemaliger Bewohner. Zum Systematisierungsprogramm liefert der Wikipedia-Übersichtsartikel „Romanian rural systematization program" die zentralen Eckdaten zu Zeitraum, Zahlen und internationaler Reaktion; ausführlicher behandelt der Historiker Dennis Deletant die Hintergründe des Ceaușescu-Regimes in seinen Studien zur rumänischen Zeitgeschichte. Zu Gherdeal berichtet die Fotoreportage „The Ghost Village of Gherdeal" (Abandoned America) auf Basis eigener Vor-Ort-Recherche.

Wie bei den anderen Themen dieser Sammlung gilt: Diese Seite beschreibt reale, historisch belegte Ereignisse und Orte, keine Legenden. Der Begriff der Vatra und ihre Bedeutung im rumänischen Volksglauben ist breiter dokumentiert, als hier Platz findet – wer tiefer einsteigen will, findet in der rumänischen Ethnographie, unter anderem am Bukarester „Constantin Brăiloiu"-Institut für Ethnographie und Folklore, weiterführende Literatur.

Häufige Fragen

Was geschah mit dem Dorf Geamăna?

1977 ordneten die rumänischen Behörden die Räumung des Tals an, um Platz für die Rückstände der nahen Kupfermine Roșia Poieni zu schaffen. Seither steigt ein giftig-rot gefärbter See über dem Dorf, aus dem nur noch die Kirchturmspitze ragt.

Leben noch Menschen in Geamăna?

Etwa zwanzig Bewohner weigerten sich damals zu gehen und blieben auf den höher gelegenen Rändern des Tals – manche von ihnen leben dort bis heute.

Was war das „Systematisierungsprogramm“?

Ein ab 1974 unter Ceaușescu geplantes Programm, das 7.000 bis 8.000 der rund 13.000 rumänischen Dörfer abreißen oder in „Agrar-Industrie-Zentren“ umwandeln sollte. Aktiv umgesetzt wurde es erst ab März 1988 und am 26. Dezember 1989 sofort gestoppt.

Wie viele Dörfer waren von der aktiven Umsetzung des Programms betroffen?

In der kurzen Zeit zwischen März 1988 und Dezember 1989 wurden rund achtzehn Dörfer teilweise und fünf vollständig eingeebnet.

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Die Karpaten-Chroniken von Corben Vale erzählen genau solche Geschichten – nach wahren Begebenheiten. „Das Dorf der Erhängten“ und „Stafii“ sind in sieben Sprachen erschienen.

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