Startseite · Legenden & Bräuche · Deochi: der böse Blick und was ihn löscht
Ein Blick, der nichts Böses will, und doch Schaden anrichtet: deochi ist kein Fluch, sondern die Wirkung der Bewunderung. Wer in den Karpaten ein Kind lobte, sagte das Schutzwort gleich dazu.
Deochi setzt sich zusammen aus de und ochi – „von den Augen“. Das Wort benennt keinen Fluch und keine Verwünschung. Es benennt, was ein Blick anrichtet, und zwar meistens ohne jede Absicht. Wer deochează, will nichts Böses; er sieht nur zu lange hin, bewundert zu laut, lobt, ohne das Schutzwort danebenzusetzen.
Das ist der Punkt, an dem dieser Aberglaube unbequem wird: gefährlich ist nicht der Feind, sondern die Nachbarin, die sagt, wie prächtig das Kind geraten sei.
Neugeborene zuerst, dann Wöchnerinnen – beide gelten als unfertig, durchlässig, noch nicht ganz auf dieser Seite. Danach alles Junge und alles, was gelobt wird: Kälber, Fohlen, die Braut am Hochzeitstag, das Haus, das eben fertig geworden ist.
Auch Tiere zeigten es an. In den Aufzeichnungen heißt es, verhexte Bienen verließen ihren Stock und Vögel hackten aufeinander ein.
Bestimmte Augen standen im Verdacht: blaue in einer Gegend, in der die meisten braune haben; zwei Augen von verschiedener Farbe oder Form; Schielen; zusammengewachsene Brauen. Aus Vâlcea ist überliefert, dass man Menschen für besonders gefährlich hielt, die mit der Glückshaube zur Welt gekommen waren.
Keinem dieser Merkmale wurde eine böse Absicht unterstellt. Man trug die Gefahr im Gesicht, ob man wollte oder nicht.
Plötzlicher Kopfschmerz, der ohne Vorwarnung kommt. Gähnen, obwohl niemand müde ist – das gilt als das deutlichste Zeichen. Dazu Ohrensausen, Übelkeit, Schwäche, Schlaflosigkeit, bei Kindern Fieber und Unruhe.
Nichts davon ist selten, und genau das macht den Glauben tragfähig: es gibt kaum einen Tag, an dem sich nicht irgendetwas davon einstellt.
Gegen den Blick half zuerst die Sprache. Wer ein Kind lobte, spuckte dreimal trocken aus und setzte die Formel dazu: ptiu, ptiu, să nu-l deochi – damit ich es nicht deoche. Das Lob wurde also nicht unterlassen, es wurde entschärft.
Dazu kam der rote Faden, ață roșie, um Handgelenk oder Hals des Kindes gebunden, dazu Knoblauch, ein verkehrt herum getragenes Kleidungsstück, ein Amulett. Rot zieht den Blick auf sich, bevor er das Kind erreicht – so wird es erklärt.
War der Schaden da, half nur stinsul cărbunilor, das Löschen der Kohlen. Es brauchte apă neîncepută, unberührtes Wasser: aus Quelle, Brunnen oder Fluss geschöpft, aus dem noch niemand getrunken hatte.
Neun glühende Kohlen wurden einzeln hineingelegt und dabei rückwärts gezählt, von neun bis eins. Die Kohlen gaben die Diagnose: sinken sie zu Boden, ist der Mensch deocheat; schwimmen sie oben, war es etwas anderes. Dazu sprach die descântătoare ihren descântec, eine Formel, die den Blick dorthin zurückschickt, woher er gekommen ist.
Danach trank der Betroffene von dem Wasser, die Schläfen wurden damit gewaschen, und der Rest samt Kohlen kam aufs Hausdach. In Văleni im Kreis Prahova genügten drei Kohlen; dort gab man das übrige Wasser dem Hund – schüttelte er sich, war der Blick genommen.
Die orthodoxe Kirche hat diese Praktiken abgelehnt, und zwar deutlich. Johannes Chrysostomos tadelte Mütter, die ihren Kindern Amulette um den Hals und Glöckchen ans Handgelenk banden, und verwies sie auf das Kreuz. Basilius der Große ging weiter und hielt für möglich, dass Dämonen sich der Augen der Neidischen bedienen.
Das eine schloss das andere nicht aus: gegen den Blick wurde gebetet und gespuckt, oft von denselben Leuten am selben Tag.
In den Karpaten-Chroniken steht der böse Blick nie für sich. Er steht in einer Reihe mit dem Fluch und dem neidischen Nachbarn – und in derselben Reihe wie das Gebet. Der Erzähler von „Das Dorf der Erhängten“ bemerkt es an den Leuten, die sonntags drei Stunden stehend beten und den Armen das Opferessen verteilen: Dieselben glauben mit derselben Selbstverständlichkeit an den bösen Blick, an Flüche, an die Macht neidischer Nachbarn. Für ihn ist der Aberglaube nicht das Gegenteil der Frömmigkeit, sondern ihr Schatten – und genauso alt.
Das erklärt, warum die Formel gegen den bösen Blick nie im Widerspruch zum Kreuzzeichen stand. Beides wächst aus derselben Gewissheit: dass die unsichtbare Welt existiert und in die sichtbare hineinregiert. Wer glaubt, dass eine Kerze der Seele eines Toten hilft, dem muss niemand lange erklären, dass ein Blick einem Kind schaden kann. In den Karpaten-Chroniken von Corben Vale ist das dieselbe Landkarte – nur führt der eine Weg nach oben und der andere nach unten.
Die Kohlenprobe ist seit dem 19. Jahrhundert beschrieben, unter anderem bei Simion Florea Marian (1879) und Grigore G. Tocilescu (1900); von dort stammen auch die regionalen Abweichungen wie die drei Kohlen von Văleni. Die Zusammenstellung der gefährdeten und der gefährlichen Merkmale sowie die kirchlichen Stellungnahmen folgen Daniela Luminița Ivanovici, The belief in the existence of the „evil eye“ in the Romanian environment (Revista Teologică).
De und ochi – „von den Augen“. Das Wort beschreibt die Wirkung eines Blicks, nicht einen ausgesprochenen Fluch.
Am plötzlichen Kopfschmerz und am Gähnen ohne Müdigkeit. Die Gewissheit holte man sich über die Kohlenprobe: sinken die Kohlen im Wasser, gilt der Blick als bestätigt.
Rot soll den Blick abfangen, bevor er das Kind trifft. Deshalb wird er dort getragen, wo er auffällt: am Handgelenk, am Hals, an der Kleidung.
Nein, und das ist das Eigentümliche daran. Bewunderung genügt. Deshalb gehört zum Lob das Schutzwort – wer beides sagt, nimmt dem Blick die Wirkung.
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Die Karpaten-Chroniken von Corben Vale erzählen genau solche Geschichten – nach wahren Begebenheiten. „Das Dorf der Erhängten“ und „Stafii“ sind in sieben Sprachen erschienen.
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