Startseite · Legenden & Bräuche · Die zwölf Nächte: was zwischen Weihnachten und Bobotează umgeht
Am 30. November geht in den Karpaten eine Tür auf. Zwischen Weihnachten und Bobotează steht sie am weitesten offen, und am 6. Januar fällt sie wieder zu – mit einem Kreuz, das in fließendes Wasser geworfen wird.
Die Zeit zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar zählt im rumänischen Volksglauben nicht als gewöhnliche Woche mit Anhang. Sie gilt als eigener Kalender: zwölf Tage, die für die zwölf Monate des kommenden Jahres stehen. Wer sie zu lesen weiß, weiß, was kommt.
Das alte Jahr ist in dieser Zeit bereits gestorben und das neue noch nicht geordnet. Dazwischen liegt eine Phase, die in der volkskundlichen Literatur als Chaos beschrieben wird – kein Unglück, sondern ein notwendiger Zustand, aus dem die Zeit neu hervorgeht.
Praktisch heißt das: Für knapp zwei Wochen gelten andere Regeln, und alles, was sonst draußen bleibt, ist hereingelassen.
Diese Wochen stehen nicht für sich. Sie sind der Höhepunkt einer Jahreszeit, die an einem Datum beginnt: In der Andreasnacht fangen die Strigoi an zu gehen, und in vielen Gegenden endet ihre Freiheit genau zu Epiphanias.
Die zwölf Nächte sind also nicht der Anfang von etwas, sondern die Mitte. Was am 29. November hinausging, ist jetzt seit fünf Wochen unterwegs – und wird am 6. Januar wieder eingeholt.
In den Aufzeichnungen steht für diese Tage nicht nur der Strigoi. Es heißt, es gehen die duhuri ale morților um, die Geister der Toten, dazu Strigoi und Moroi, dazu das schädliche Getier, das man sonst nicht im Haus haben will.
Am Heiligabend, um Mitternacht, verwandelt sich der Überlieferung nach das Wasser in Wein, und die Tiere im Stall fangen an zu sprechen.
Es lohnt sich, kurz stehenzubleiben, bevor man das hübsch findet. Ein Bauer, dessen Vieh im Nebengebäude steht, hört in dieser Nacht angeblich zu, wie seine Ochsen sich unterhalten – über ihn. Die Überlieferung sagt nicht, dass man das tun soll. Sie sagt nur, dass es geschieht.
Das ist die Grundform der ganzen zwölf Tage: Die Ordnung, nach der das Jahr sonst läuft, ist ausgesetzt, und was sonst stumm ist, hat eine Stimme.
Was für die Andreasnacht das Knoblauchkreuz ist, sind für diese Tage die Masken.
Durch die Dörfer ziehen die Maskenumzüge: die capra, die Ziege, die für die Fruchtbarkeit des Bodens steht; der urs, der Bär; die hâzi oder urâți, die Hässlichen. Und die moși – die Alten. Die Deutung steht in der ethnografischen Literatur unverblümt: Die Moși sind die Geister der Toten, die nach Hause kommen und sich mit ihren Nachkommen an den Tisch setzen.
Genau das ist der Unterschied zu allem, was diese Seiten sonst beschreiben. Bei der Totenwache und beim Knoblauchkreuz hält man die Toten draußen. In den zwölf Nächten lädt man sie ein, gibt ihnen zu essen und bezahlt sie mit Wein und Geld.
Nicht, weil man sie plötzlich weniger fürchtet. Sondern weil sie in diesen Tagen ohnehin kommen – und ein Gast, den man bewirtet, benimmt sich besser als einer, den man aussperrt.
Die Verbote sind dieselben wie in der Andreasnacht, und sie werden mit derselben Selbstverständlichkeit aufgezählt:
Nichts aus dem Haus geben. Nicht streiten, auch nicht im Scherz – wer es tut, trägt das Jahr über die Beulen davon. Nicht schlagen, nicht mit der Faust und nicht mit der flachen Hand. Kein Mehl sieben. Am Weihnachtstag selbst nicht kehren.
Die Verbote haben alle dieselbe Form. Sie verbieten das Hinausgeben, das Hinauskehren und das Austeilen – für zwölf Tage hört das Haus auf, nach außen zu wirken.
Am 6. Januar wird die Tür wieder geschlossen, und zwar mit Wasser.
Der Priester weiht das Wasser – die agheasmă mare, das große Weihwasser, von dem es heißt, dass es ein Jahr lang nicht verdirbt. Er zieht mit dem Kreuz durch das Dorf; in manchen Gegenden heißt dieser Umgang Chiraleisa, aus dem griechischen Kyrie eleison. Häuser, Vieh und Höfe werden besprengt.
Und dann wird ein hölzernes Kreuz in den Fluss geworfen. Junge Männer springen hinterher. Wer es herausholt, gilt für das kommende Jahr als von aller Schuld frei.
Danach gilt das Wasser als geweiht – alles Wasser. Deshalb wird an diesem Tag keine Wäsche gewaschen. Auch nicht gestritten, nichts verliehen, kein Geld ausgeliehen. Es sind dieselben Verbote wie am Anfang der Jahreszeit, ein letztes Mal.
Auch das Ende der zwölf Tage ist eine Orakelnacht. Die unverheirateten Mädchen legen Basilikum, busuioc, unters Kopfkissen, um den zu träumen, den sie heiraten werden.
Und wer an Bobotează auf dem Eis ausrutscht und hinfällt, heiratet im selben Jahr. Es ist eine der wenigen Vorhersagen dieser Tage, die man sich nicht wünschen muss – man muss nur stolpern.
In den Karpaten-Chroniken hat der Winter ein eigenes Kapitel, und es steht nicht zufällig vor dem, in dem der Fluch der drei Familien anfängt. „Der Sommer ist die Maske des Dorfes. Der Winter ist sein Gesicht“, heißt es in „Das Dorf der Erhängten“. Beschrieben wird ein Ort, der sechs Monate im Jahr leer wirkt – und der genau in diesen zwölf Tagen wieder voll wird: zwischen den Jahren, wenn die „Ausländer“ heimkehren und das Dorf für ein paar Wochen wieder Leben spielt.
Das ist dieselbe Woche, in der die Moși-Masken durch die Gassen ziehen und die Toten zu Tisch gebeten werden. Im Buch sind es die Lebenden, die aus der Fremde zurückkommen und die leerstehenden Häuser für ein paar Tage füllen. Beides hat dieselbe Form: Einmal im Jahr ist das Dorf vollzählig, und danach ist es wieder leer.
Der Erzähler führt die Regeln, von denen diese Seiten handeln, ausdrücklich auf den Winter zurück – auf sechzehn Stunden Schwärze über einem Dorf ohne Laternen: dass man nach Einbruch der Dunkelheit zu Hause ist, dass die Öllampe vor der Ikone brennt, dass man im Dunkeln keinem Ruf antwortet. Und er schließt das Kapitel mit einem Satz, der erklärt, warum diese zwölf Tage keine Folklore sind, sondern Ordnung: Er habe diese Regeln im Sommer kennengelernt und für Aberglauben gehalten – und nach einem einzigen Winter dort angefangen, sie zu befolgen. Mehr steht in den Karpaten-Chroniken.
Die Deutung der zwölf Tage als Zeit zwischen dem Chaos und der Reinigung durch das geweihte Wasser, die Umzüge der Masken und die Moși als heimkehrende Tote sind in der rumänischen Ethnografie dokumentiert; der Glaube, dass in der Weihnachtsnacht das Wasser zu Wein wird und die Tiere sprechen, ist in den Sammlungen zum Volksglauben festgehalten. Die Bobotează-Riten – Wasserweihe, Chiraleisa, das Kreuz im Fluss – sind bis heute lebende Praxis und nicht nur Überlieferung.
Dass diese Tage im deutschsprachigen Raum „Rauhnächte“ heißen, ist eine Übertragung, keine Übersetzung: Der Zeitraum ist derselbe, die Bräuche sind es nicht.
Zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar, dem Tag der Bobotează. Zwölf Tage, die im Volksglauben für die zwölf Monate des kommenden Jahres stehen.
Der Zeitraum ist derselbe, die Bräuche sind andere. Was die rumänische Überlieferung von der alpenländischen unterscheidet, ist vor allem das Ende: In Rumänien schließt die Jahreszeit mit der Wasserweihe zu Bobotează und dem Kreuz, das in den Fluss geworfen wird.
Weil die Toten in diesen Tagen ohnehin unterwegs sind. Die Moși-Masken stellen die heimkehrenden Ahnen dar, die sich mit ihren Nachkommen an den Tisch setzen – man bewirtet sie, statt sie auszusperren.
In vielen Gegenden endet an diesem Tag die Zeit, in der sie umgehen dürfen. Sie beginnt in der Andreasnacht am 30. November; Epiphanias ist das andere Ende derselben Jahreszeit.
Das zu Bobotează geweihte große Weihwasser. Es soll ein Jahr lang nicht verderben und wird zum Segnen von Haus, Hof und Vieh verwendet.
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Die Karpaten-Chroniken von Corben Vale erzählen genau solche Geschichten – nach wahren Begebenheiten. „Das Dorf der Erhängten“ und „Stafii“ sind in sieben Sprachen erschienen.
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