Startseite · Legenden & Bräuche · Totengedenken in Rumänien
Am Abend des 1. November liegen die Friedhöfe Siebenbürgens in einem Meer aus Kerzenlicht. Wenige Tage später tragen orthodoxe Familien Weizen, Brot und Wein in die Kirche – für Menschen, die längst tot sind. Rumänien gedenkt seiner Toten im Herbst zweimal, und beide Male geht es um dasselbe: dass sie dazugehören.
Kurz gesagt: Rumänien kennt im Herbst zwei Totengedenken. Die Luminația am Abend des 1. November stammt aus dem westlichen Kirchenkalender und wird vor allem in Siebenbürgen, im Banat und in der Maramuresch begangen – mit Kerzen auf allen Gräbern, längst über die Konfessionen hinweg. Die orthodoxen Moșii de toamnă fallen auf einen Samstag Anfang November, 2026 auf den 7. November: Coliva, Brot, Wein und Kerzen werden in der Kirche gesegnet und danach als Pomana verschenkt.
Wer im Herbst durch Rumänien fährt, kann den Toten zweimal begegnen. Das erste Mal am 1. November. In Siebenbürgen, im Banat und in der Maramuresch heißt dieser Abend Luminația, die Lichterfeier. Der Tag kommt aus dem westlichen Kalender: Die katholische Kirche feiert am 1. November Allerheiligen und am 2. November Allerseelen. Im Volksmund heißt trotzdem schon der 1. November Ziua Morților, der Tag der Toten, und an seinem Abend gehen die Familien auf den Friedhof.
Das zweite Mal einige Tage später. Die orthodoxe Kirche, zu der die Mehrheit der Rumänen gehört, hat ihr eigenes Gedenken: die Moșii de toamnă, die „Ahnen des Herbstes“. Sie fallen auf einen Samstag vor dem Beginn des Weihnachtsfastens, 2026 auf den 7. November. In Siebenbürgen, schreibt die Lokalzeitung Alba24, werden die beiden Tage manchmal verwechselt. Wer genau hinsieht, merkt, dass sie verschieden riechen: der eine nach Wachs und Chrysanthemen, der andere nach Weizen, Honig und Wein.
Moși heißt Ahnen – moșii și strămoșii, die Alten und die noch Älteren. Die orthodoxe Ordnung kennt vier große Samstage für sie: die Moșii de iarnă vor der großen Fastenzeit, die Moșii de primăvară im Frühjahr, die Moșii de vară vor Pfingsten und die Moșii de toamnă im Herbst. Zusammen mit den Gedenktagen nach jedem einzelnen Tod – dem dritten, neunten und vierzigsten Tag – ergibt das ein Jahr, in dem die Toten nie lange ungenannt bleiben.
Am Morgen der Moșii tragen die Familien ihre Körbe in die Kirche. Darin liegt die Coliva, gekochter Weizen mit Honig und Nüssen, das Zeichen der Auferstehung: das Korn, das begraben wird und wieder aufgeht. Dazu kommen die geflochtenen Brote, die Colaci, eine Flasche Rotwein, Kerzen und ein Zettel mit Namen, das Pomelnic. Der Priester liest die Namen vor, einen nach dem anderen, und hält über Weizen, Brot und Wein den Parastas, den Gedenkgottesdienst. Danach gehen viele auf den Friedhof, zünden Kerzen an und besprengen das Grab mit dem gesegneten Wein.
Dann wird verschenkt. Die Pomana ist keine Gabe an das Grab, sondern an die Lebenden: Brot und Colaci, Äpfel, Birnen, Trauben, Nüsse, Süßes, in manchen Familien auch gekochtes Essen – Sarmale, Braten, Reis. Gegeben wird „für die Seele“ des Toten. Über das Warum gibt es zwei Lesarten, die nebeneinander bestehen: Die Seelen empfangen über die Gaben der Lebenden geistige Nahrung. Oder Gott erlässt dem Verstorbenen um ihretwillen noch etwas von seiner Schuld. Auf eines legen die Pfarrer Wert, so Alba24: Es geht um das Gebet und die Gabe, nicht um die Menge.
Die Luminația sieht ganz anders aus. In den Tagen davor werden die Gräber gesäubert und mit Blumen geschmückt, vor allem mit Chrysanthemen. Bei Einbruch der Dunkelheit zündet man Kerzen und Grablichter an, und die Friedhöfe werden zu dem, was rumänische Berichte jedes Jahr mit denselben Worten beschreiben: einem Meer aus Licht.
Längst kommen nicht mehr nur die Katholiken. Orthodoxe, Griechisch-Katholische, Reformierte, Freikirchliche, auch Menschen ohne Glauben stellen ihre Kerzen auf. Die Zeitung Evenimentul Zilei nannte die Luminația deshalb das Fest, das nicht nach der Religion fragt. In der Maramuresch bekommen die Kinder auf dem Friedhof Süßigkeiten, und die Priester lesen zwischen den Gräbern die Gedenkgebete. Der genaue Tag schwankt übrigens: Je nach Ort fällt die Luminația in die letzten Oktobertage oder auf den Anfang des November.
Dazu gehört ein Volksglaube, der älter klingt als jede Kirche: In der Nacht des 1. November öffnen sich die Tore zwischen der Welt der Lebenden und der Toten, und die Seelen kehren zurück. In manchen Dörfern tragen Kinder vor Sonnenaufgang frisches Wasser auf die Gräber – weil sie rein sind, und weil die Toten Durst haben.
Wie an jedem Totentag hängt auch an Moși und Luminația ein Kranz von Regeln. Es sind örtliche Überlieferungen, keine kirchlichen Gebote, und sie wechseln von Dorf zu Dorf. Man wäscht nicht und näht nicht, um die Toten nicht zu stören. Man gibt kein Geld und keine Gegenstände aus dem Haus, denn was an diesem Tag hinausgeht, so heißt es, könnte mit der Seele des Verstorbenen fortgehen. Man knausert nicht beim Essen. Man klagt nicht laut, weil die Seelen die Lebenden nicht leiden sehen wollen. Und wer mit dem Toten im Streit lag, geht an diesem Abend besser nicht an sein Grab.
An manchen Orten stellt man außerdem Kerzen im Hof oder an Wegkreuzungen auf – ein alter Brauch, der verirrten Seelen den Weg ins Licht zeigen soll. Es ist dieselbe Sorge, die in den Karpaten auch die verhängten Spiegel erklärt: dass eine Seele den Weg nicht findet und bleibt.
In „Das Dorf der Erhängten“ gibt es eine Beobachtung aus der Dorfkirche, die dieses ganze Thema in ein Bild fasst. Am Eingang werden Bienenwachskerzen verkauft, an zwei getrennten Ständen: einen für die Lebenden, einen für die Toten. „Beide Ständer sind immer gleich voll.“ Die Toten gehören dazu – man gedenkt ihrer, heißt es dort, als wären sie nur in ein Nachbardorf verzogen, aus dem man schlecht zu Besuch kommt.
Und es gibt das Päckchen. Der Erzähler bekommt bei einer Pomana zum ersten Mal eines in die Hand gedrückt: ein Küchlein, ein Apfel, eine Kerze, in eine Serviette geknotet, für die Seele eines Mannes, den er nie gekannt hat. Wer es annimmt, sagt „Möge es angenommen sein“. Man kann gegen den Tod nichts tun, steht im Buch, aber man kann Kuchen verteilen.
Genau das ist der Herbst in den Karpaten. Nicht der Schrecken, sondern die Ordnung, mit der man ihm begegnet – bis an dem Abend, an dem jemand vor der Tür steht, der nicht mehr kommen dürfte. Davon erzählen die Karpaten-Chroniken.
Der orthodoxe Kalender der vier Moși-Samstage und die Bräuche der Moșii de toamnă – Coliva, Colaci, Wein, Kerzen, Pomelnic, Parastas und Pomana – sind gelebte Praxis und werden in der rumänischen Presse jedes Jahr beschrieben, unter anderem bei Alba24 („Moșii de toamnă: Când este Sâmbăta Morților în 2026“, 27.09.2026) und Antena 3 (25.10.2025). Die Luminația, ihre Regionen und ihr überkonfessioneller Charakter folgen Alba24 (01.11.2024) und Evenimentul Zilei („Halloween de Transilvania“, 31.10.2024); dort stehen auch die Volksglauben und Verbote, die wir oben wiedergeben. Die Regeln sind, wie die Quellen selbst betonen, örtliche Überlieferung und keine kirchliche Lehre.
Die Szene mit den zwei Kerzenständen und dem Pomana-Päckchen steht in „Das Dorf der Erhängten“. Den Rest kann man nicht nachlesen. Man muss an einem Novemberabend auf einem siebenbürgischen Friedhof gestanden haben, wenn die letzte Kerze angezündet wird.
Das Lichterfest am Abend des 1. November in Siebenbürgen, im Banat und in der Maramuresch: Die Gräber werden geschmückt, bei Einbruch der Dunkelheit brennen auf allen Kerzen. Der Tag stammt aus dem westlichen Kalender, wird heute aber über alle Konfessionen hinweg begangen.
Das orthodoxe Totengedenken im Herbst, ein Samstag Anfang November vor dem Weihnachtsfasten – 2026 der 7. November. Coliva, Brot, Wein und Kerzen werden in der Kirche gesegnet, danach wird für die Seelen der Toten Essen verschenkt.
Brot oder Colaci, Obst wie Äpfel, Birnen, Trauben und Nüsse, Süßes und oft gekochtes Essen. Gegeben wird „für die Seele“ des Verstorbenen; wichtig ist das Gebet, nicht die Menge.
Rumänische Medien nennen sie gern so. Mit Kürbissen und Verkleidung hat sie nichts zu tun – gemeinsam ist nur das Datum und die Vorstellung, dass die Toten in dieser Nacht näher sind.
Vierzig Tage lang weiß die Seele nicht, dass sie tot ist.
Warum der Tote in der ersten Nacht nie allein bleiben darf.
Wenn in den Karpaten die Gräber geöffnet werden.
Die Karpaten-Chroniken von Corben Vale erzählen genau solche Geschichten – nach wahren Begebenheiten. „Das Dorf der Erhängten“ und „Stafii“ sind in sieben Sprachen erschienen.
»Dreizehn wahre Bräuche aus den Karpaten«
Die alten Bräuche aus den Karpaten – als PDF. Kostenlos per E-Mail.
Double-Opt-in über Brevo: Du erhältst zuerst eine Bestätigungsmail – erst nach deinem Klick darin bist du dabei. Jederzeit abbestellbar. Datenschutz